Der Titel, den Jenny Feldmann ihrer Ausstellung gibt, sagt schon sehr viel. Er beschreibt klar und präzise, was wir zu sehen bekommen, und zeugt zugleich von Feldmanns künstlerischer Arbeitswut.
„Christkindpumpertklumpertfranzwestbriefetafelhorchtswiesdraussenpumpertaudiinstallationsmusikcollagensprühklebersbenzinwattebausch“
2013 fand in der Galerie Kunst & Handel in der Himmelpfortgasse in Wien die vielschichtige Rauminstallation‚ „Christkind pumpert Klumpert“ von Feldmann statt. Auf dieser herrlich wahren Raumskulptur, Wahnsinn und Kindersehnsucht des Weihnachtsfestes zugleich fußen die hier gezeigten Arbeiten von 2014.
Zersplittert, zerstückelt und wieder zusammengesetzt, voller Verweise, Gedankensprünge, Geistesblitze, Schön- und Hässlichkeiten führt uns Jenny Feldmann in ihre collagierte Welt.
Ihr formales Können zeigt sich hier in besonderer Weise. Mit sicherem Schnitt zerstört sie das Symbol für Weihnachten, den Tannenbaum. Nicht willkürlich und organisch, sondern gezielt, geplant, ganz sorgfältig in exakte kleine Teile aufgelöst, verwendet Feldmann Profi-Aufnahmen der Rauminstallation in der Galerie oder ihre eigenen Fotos, als sie die Weihnachtsbaumskulptur in ihrem Atelier entwickelte.
Manchmal verdichtet sie das gesamte Große zu etwas ganz Kleinem, das wie bunte Kristalle aus einem Schneegestöber auftaucht oder als Rohrschach’sche Falter über Briefe von Franz West flattert.
Manchmal zoomt sie das Kleine, einzelne Details, groß heran, eine Madonna-Statuette, eine schäbige Schachtel, auf der Josef geschrieben steht und die damit Josef ist.
Der Adventkalender, eigentlich „Ohne Titel“, ist der uns nun schon vertraute Baum, behängt mit Abbildern von Menschen, die offensichtlich einen Platz in Feldmanns Leben einnehmen, oder auch nicht. Sie selbst ist natürlich das Christkind, in mehreren Blättern so betitelt, und die Nummer 24 am Adventkalender.
Und das gefällt mir so an Jenny Feldmann, ihr Umgang auch mit dem Wort. Das Christkind ist das höchste Kind, das wir kennen. Wir sprechen aber auch davon, ein Christkindl zu sein, also naiv, gutgläubig, etwas närrisch, meistens in der Formulierung: „Sei doch kein Christkindl.“
Sie verwendet Attribute und Symbole einer Weltreligion, die unsere geographische und geistige Region prägen. Wir leben in ihnen, Feldmann arrangiert sie, wie beiläufig zu einem kulturellen Müllberg.
Sie selbst verweist gerne auf den Begriff Antikunst. Natürlich ist es Kunst, aber eine, die mit herkömmlichen ästhetischen Manierismen bricht, mit großen Aussagen, mit geschliffenen Techniken. Eine Kunst, die alles benutzt und alles erlaubt. Schmutzig und angreifbar, sentimental und eiskalt, aufeinander gehäuft und hingefetzt. So wie Feldmann das Alltägliche, Reale zu etwas Sur-Realem auftürmt, ist ihre surrealistische Herangehensweise nicht nur im gewählten Topos sichtbar sondern auch in der Bildkomposition. Das Motiv des Weihnachtswahnsinns löst sich in den formalen künstlerischen Qualitäten auf, bestehen bleibt ein ‚Ganzjahresbild’, ein Bild.
Durch Überlagerung, Aneinanderreihung, durch Verflechtungen entstehen ganz neue räumliche Eindrücke. Die streng geometrischen, teils akribisch kleinen Fotoschnitzel bilden neue Gestalten, neue Weihnachtsbäume.
Wesentlichen Teil daran hat aber auch Feldmanns Einsatz von Farben. Wie die graphischen Elemente gegeneinander gesetzt sind, schwarz-weiß oder bunt, wie Bildhintergrund bzw. Bildgrund nach vorne greifen, wie auf Schneeweiß oder Signalrot Raumlöcher gebildet werden, die uns winzige Einblicke in etwas Fremdes, Ungewisses erlauben. Glitzert etwas Gottloses zwischen den Goldbarren hervor oder ist es nur ein betäubender Geschenkewald? Das Kreuz in zweierlei Rottönen schafft Raum in der Tropfsteinhöhle, die Baumskulptur wächst als Stalagmit in die Stalaktiten hinein.
Eine, aus vier Blättern bestehende Arbeit – ein Kreuz bildend – ist im Untertitel nach Musikstücken benannt und in Feldmanns Hand mit Gedichten von Goethe beschrieben. Alles ist genau gewählt und auf einander abgestimmt: die Gedichte die geschrieben werden, die Musik, die bei der Arbeit gehört wird, die Fotos, die ausgewählt und neu zusammen gestellt werden. Denk- und Erlebniswelten fügen sich zusammen, schichten sich übereinander. In weiteren Blättern verarbeitet sie etwa die Briefe von Franz West[1]zu graphischen Kompositionsebenen. Die Farben der Stifte, sein schlampig-nervöser Schriftfluss, sogar die unterschiedliche Tönung der Briefpapiere werden zu formalen Elementen, die Feldmann mit beinahe nachtwandlerischer Sicherheit zu benutzen weiß.
Die Bilder dieses Kataloges erscheinen mir wie Spitzenborten, wie Spinnweben, deren Fäden aus dem großen Tannenbaumknäuel gesponnen wurden, nicht nur ein Weihnachtskonglomerat, auch ein Labyrinth von Feldmanns Denken, den qualitativ strengen Anforderungen der Kunst gehorchend.
Der Begriff Gottlos darf nicht fehlen, ist Feldmann wichtig. Gott-los im Gegensatz zu Gott-voll, vielleicht? Seine Abwesenheit im so gottvollen Weihnachtsfest, seine Anwesenheit, die wir damit erzwingen wollen? Seine Abwesenheit in manchen Sein-Zuständen Feldmanns? Dann aber wieder das Empfinden der Möglichkeit des Ewigen, des voll „Da Seins“, in der Manie durch seine Anwesenheit beflügelt?
Oder kann man den Ausgleich finden zwischen Manie und Depression, die Bühne betreten, tragisch-komisches Theater aufführen und von der Bühne abtreten mit dem Tod?
Das Leben zwischen naivem Glauben und klarsichtigem Zynismus, so pumpert das Christkind mit seinem Klumpert.
Sophie Geretsegger
September 2014
Unterrichtet Kunstgeschichte an der Universität für angewandte Kunst, Wien.
[1] Dazu sollte man die, von Feldmann, herrlich trocken beschriebene Beziehung der beiden lesen.
In: A Tribute to Franz West. http://www.jenny-feldmann.com. 10-09-2014.