„In der Kürze liegt die Würze“, wollte Jenny Feldmann ihre mahnende Eile, mit der sie auf möglichst rasche Abfassung dieser Zeilen drängte, argumentativ unterstützen. „In der Länge schmilzt die Enge“, hätte ich ähnlich jovial replizieren sollen, doch fiel mir in diesem Moment nur ein halbherzig gebrummtes „Ja, ja“ ein, mit dem ich mich von der Künstlerin verabschiedete, nachdem sie mir in ihrem Atelier ihre Antworten auf meine Frage präsentiert hatte, ob denn Gustav Mahler angesichts seines 100. Todestages für einen bildenden Künstler der Gegenwart inspirierend wirken könne.
Der banale Sprichwortreim
hatte es mir allerdings angetan. Er wirkte nach und ließ mich bis heute nicht mehr los. Immer wieder meldet er sich in meinen Gedanken, wenn sie sich diesem Vorwort und den Arbeiten von Jenny
Feldmann nähern. Das Nachdenken über das Gewürz der Kürze
versalzt, versüßt, verbittert, verschärft schon recht lang mir das Leben. Und
immer verbindet es sich in meinem geistigen Auge mit dem Bild von Jenny
Feldmann und dem Bild von deren Bildern.
Die Kunst gehört der
Kürze wie der Länge. Sie gehört beiden und bewahrt beide vor der Ausschließlichkeit. Kunst ist immer kurz und lang, nie aber zu kurz oder zu lang. Kunst hat stets mit dem Paradoxon von Notwendigem
und Überflüssigem zu tun, in ihr wird eines im anderen sichtbar, hörbar, wahrnehmbar, das Not-Wendende des Überflusses einerseits und das Überfließende des Notwendigen andererseits. Kunst ist die
Beschränkung des Überflüssigen auf das notwendige Überflüssige und die Entgrenzung des Notwendigen ins Überfließende. Denken wir an die gerade noch erträgliche und daher göttlich erfüllende Abundanz
mancher Beethovenscher Symphoniesätze, diesen Inspirationsschwall, der durch das Sieb der
Vermittelbarkeit und Realisierbarkeit gehen musste, wie das suchende, ahnende, zweifelnde, verzweifelnde, hoffende, resignierende Gekritzel seiner
Skizzenbücher zeigt; denken wir an Kafkas stilistischen Minimalismus, der gerade in der unbegleiteten und unbekleideten Blöße der Haupt- und Zeitworte Universalität ermöglicht. Jedes wahre Kunstwerk
enthüllt diese paradoxale Polarität von Notwendigkeit und Überfluss und löst sie ins Not-wendende und Überfließende auf, genauer gesagt: jedes wahre Kunstwerk wendet Not, indem es überfließt, fließt
über, indem es Not wendet.
Was für das Werk der
Kunst gilt, gilt innerhalb ihrer Bereiche, zwischen ihren
Bereichen und für sie in ihrer Gesamtheit. Abstrakte und figurative,
impressionistische wie expressionistische, naive wie raffinierte Kunst fließen ineinander über ebenso wie Bildende Kunst, Literatur und Musik; Bild, Wort und Klang sind am präsentesten in ihren
wechselseitigen Übergängen. Die Sprache ist darin einmal mehr eine große Lehrmeisterin. Nicht zufällig spricht sie von Tonbildern, Lichtklängen, Wortgebilden, Lautmalerei, Geräuschkulissen,
Bildersprache etc.. Das Überfließen macht auch nicht Halt vor der Begegnung von Kunst und Leben, streng genommen gibt es nur eine Kunst und die ist zugleich das Leben. Das Leben der Kunst besteht in
der Kunst des Lebens, seine „vita“, sein curriculum ist die ars vivendi .Kunst ist Kunst für den Menschen und nicht für den Experten. Der Experte ist Experte, weil er mit einer Erfahrung
vorausgegangen ist und sich darin übt, sie mitteilbar zu machen: die Erfahrung des Ineinanderüberfließens, die
Erfahrung, die ihn selbst notwendig und überflüssig zugleich sein lässt.
Jenny Feldmanns Kunst ist
von dieser Art: Menschenkunst, mit Expertenhand gemalt. Acht Jahre lang assistierte sie Hermann Nitsch und
anderen inzwischen berühmten Künstlern. Diese
beneideten sie um ihre Linkshändigkeit wegen deren kraftvoller Originalität.
Ihren Geist ließ sie von anderen Händen führen, darunter auch wieder linken wie etwa jenen der linkshändigen Frau Peter Handkes. Handke, Canetti, Literatur und Musik, ihr Blick suchte die
anderen Ufer des großen Stromes der Kunst. Mit Gustav Mahler wiederholte sich dieses Überfließen. Sie ließ ihn ein in ihre Kunst und in ihr Leben und ließ ihn aus als ihre Kunst und als ihr Leben.
Wie sich die Beschäftigung mit dem großen Komponisten konkretisierte, so fügten sich die Symbolik, die stilistischen Mittel, die malerische Sprache. Besonders angesprochen von der 2.Symphonie mit
ihren „Auferstehungsrufen“, von Mahlers Natur- und Erdmystik und seiner Gottsuche, entwickelte sich wie von selbst eine Atmosphäre aus Wald, Blumen, Wasser, Tod und Verwandlung, die persönliche
Erlebnisse wie den Tod einer engen Freundin miteinbezog ohne sich auf sie zu fixieren, eine
Atmosphäre, die in Farb- und Linienschöpfungen implodierte, die als
höchstpersönliche, doch zugleich mitteilbare, nachvollziehbare Wiedergabe der Symphonie des Mahlerschen Lebens und Schaffens empfunden werden können. Als ob Jenny Feldmann sehen könne, was Mahler
gehört haben muss, als er es komponierte, und als ob es ihre linke Hand mithilfe des
Pinsels auf dieselbe Weise wiedergeben könne, wie Mahlers Geist mithilfe der Notation.
Mahlers Noten, die auf
der Woge schaukelten, mit der die traditionelle
europäische Musik in die A- und Zwölftonalität überfloss, Feldmanns Bilder am Übergang von figurativer Unkenntlichkeit zu abstrakter Kenntlichkeit, beide nur sich selbst und der Kunst gehörend,frei
von Schule und System.
Jenny Feldmann ist eine
Malerin des Überfließens. Sie ist als solche mehr Malerin als Expertin, als solche mehr Künstlerin als Malerin und als solche mehr Mensch als Künstlerin. Daher konnte sie problemlos der Sammlung
ihrer Mahler-Bilder einige Bilder aus früheren Jahren hinzufügen, die das Verständnis ihres Werkes illustrieren und erweitern helfen. Sie hilft Klängen zu leuchten, Worten zu glänzen und Bildern zu
sprechen und zu singen. Je länger man sich ihren Bildern aussetzt, desto intensiver verschmeckt man die Würze ihrer Kürze, den Moment des Not wendenden Ineinanderüberfließens
von Notwendigkeit und Überfluss.
Wilhelm Pfeistlinger, 2011